Digitalisierung – ein Wort das viele Menschen verzückt, anderen hingegen den Schweiß den Nacken hinuntertreibt. Die Welt war stets von Veränderung geprägt, Paradigmenwechsel gab es viele und das tägliche Leben erlebte immer wieder Wandel. Auch die Arbeitswelt war nie frei von Veränderungen; mal rascher, mal schleichend. Mit der fortschreitenden Technologisierung unserer Gesellschaft verändert sich die Arbeit aber weiter. Für einige Personen eine Entwicklung voller „Opportunities“, andere fürchten, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Es spielen viele Faktoren mit hinein, die man beachten muss, um aktuelle und zukünftige Entwicklungen zu verstehen und dafür gerüstet zu sein.

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“Es werden sich Jobs ändern, Jobs wegfallen und neue Jobs entstehen”

Sepp Hochreiter ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Er ist Leiter des Instituts für Bioinformatik an der Johannes-Kepler-Universität (JKU) in Linz. Seit 2017 steht er im Linz Institute of Technology dem AI Lab vor. Er sagt: „Es werden sich Jobs ändern, Jobs wegfallen und neue Jobs entstehen.“ Der Erfinder der LSTM-Technik, einer Methode zur Verbesserung der Entwicklung künstlicher Intelligenz, sieht bereits jetzt Ansätze veränderter Arbeitswelten bzw. das Ersetzen von Menschen durch Maschinen, z.B. bei Chatbots, automatisierten Livetickern bei Fußballspielen, Tweets im Trump-Wahlkampf oder Beschwerdeservices.

Weitere Bereiche, in die AI zeitnah Einzug halten wird, seien unter anderem Telefonservices, Sales, Marketing, Mobility, Security, Kochen und Lektorat. „Jobs, bei denen durch KI leicht zu automatisieren ist“, präzisiert er. Die Quintessenz seiner Einschätzung ist, dass repetitive Jobs wegfallen. Hochreiter sieht darin jedoch keine Neuerung in der Arbeitsgeschichte. Denn solche Entwicklungen habe es immer schon gegeben. „Man denke nur an den Landwirt, der früher 20 Mitarbeiter hatte. Dann kamen Traktoren und Maschinen. Heutzutage hat der Landwirt ein bis zwei Mitarbeiter“, so der Experte weiter.

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Ähnlich sieht es Klaudia Bachinger von WisR, einer Internetplattform, die Unternehmen und Pensionisten zusammenbringt. „Repetitive Prozesse werden ersetzt werden, allerdings nicht im Servicebereich, da Maschinen Kontext und Empathie nicht können. Es mangelt ihnen an emotionaler Intelligenz“, sagt sie. In diesem Sinne bringt Hochreiter ein Beispiel aus den USA, das stellvertretend für die Problematik von AI in der Arbeitswelt gesehen werden kann: Dort wurde als Experiment einer AI aufgetragen, Gerichtsurteile vorherzusagen. Als Basis dazu diente eine Datenbank alter Urteile. „Am Anfang lief es gut, doch als eine Variable, die Hautfarbe der Beklagten, von Weiß auf Schwarz geändert wurde, stieg auch das Strafmaß. Ähnlich beim vorhergesagten Gehalt für diverse Berufe, als man das Geschlecht auf weiblich änderte: Es sank“, erklärt Hochreiter. Die AI habe menschliche Fehler übernommen.

Intelligent Designer

Was Bachinger im Gespräch menschliche Skills und Storytelling nennt, kann man mit Hochreiters Begriff des Intelligent-Designers vergleichen, betrachtet man die Arbeitswelt in ein paar Jahren. Zukünftige Jobs in Bereichen, in denen der Mensch unerlässlich bleibt, drehen sich alle um Daten und Design. Hochreiters Aufzählung gibt einen kleinen Aus- und Einblick darin, welche Professionen fürs Arbeiten Seite an Seite mit künstlicher Intelligenz vonnöten sein werden. Er nennt Data Evangelist, Data Scientist, Robotics, Digital Knowledge Manager, AI-Design und Robot-Psychologie als essenzielle Felder, die im Entstehen sind.

Zudem werde es noch weitere Probleme geben, die weiterhin von menschlicher Hand gelöst werden müssten. Selbstfahrende Autos etwa werden über kurz oder lang Taxifahrer und Chauffeur ersetzen. Man müsse aber klären, so Hochreiter, welche Auswirkungen dies im Straßenverkehr habe. „Heute hat man als Fußgänger Blickkontakt mit dem Fahrer, der einen dann über die Straße lässt. Das selbstfahrende Auto muss zu erkennen geben, dass es den Passanten gesehen hat. Wie macht es das? Es geht vor allem um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine“, sagt der AI-Pionier.

Bachinger hat in diesem Zusammenhang fehlende emotionale Intelligenz, kritisches Denken und Kreativität (laut dem World Economic Forum drei der wichtigsten Skills im Jahr 2030) als Knackpunkte genannt, wieso der Mensch durch AI nicht komplett ersetzt werden kann. Hochreiter geht weiter und nennt es „Weltwissen“, welches sich künstliche Intelligenz erst aneignen müsse. „Körperliche und monotone geistige Tätigkeiten werden verschwinden, dafür wird die Arbeit interessanter“, denkt der AI-Experte. „Die Maschine wird zum Lehrbuben.“

“Human Robot-Interaction”

Bis sie aufhöre, den Menschen als „Lehrer“ nötig zu haben und es eine AGI (Artificial General Intelligence), die selbstständig lernt, gebe, würden noch 20 Jahre vergehen, wie Clemens Wasner, CEO von Enlite.ai und Organisator der AAIC (Applied Artificial Intelligence Conference), zu diesem Thema erwähnt: „Alle Expertenmeinungen sehen das frühestens bis 2040. Keiner der aktuellen Ansätze kann bis zu einer AGI skalieren und wir stehen, was neue Methoden betrifft, noch ganz am Anfang, vergleichbar mit der Situation von neuronalen Netzen in den1980ern“, sagt er. Bemerkenswerte Entwicklungen gebe es jedoch heute bereits, so Wasner weiter. „In der Robotik zeichnen sich bereits wesentliche Fortschritte durch selbstlernende Systeme ab, die nicht nur zu neuen Graden der Automatisierung führen. Auch die Zusammenarbeit von Robotern und Menschen wird dadurch erst wirklich möglich, sogenannte ‚Human-Robot-Interaction‘. Dies wird sich zuallererst in der Produktion, etwa von Autos, bemerkbar machen, wo bisher Roboter und Menschen getrennt gearbeitet haben. Auch im Delivery-Center von Amazon wird es diese Art der Kollaboration sehr bald flächendeckend geben, Stichwort Packaging.“

Laut dem Report des Marktforschungs- und IT Analyse-Unternehmens Gartner werden bis 2020 durch AI 1,8 Millionen Jobs vernichtet, dafür 2,3 Millionen geschaffen werden. Wasner meint, dass es Technologieverlierer immer gebe; die eigentliche Frage sei, ob Gesellschaft, Politik und Wirtschaft dies als gottgegeben hinnehmen oder aktiv Schritte setzen, um die Folgen abzufedern. „Die Auswirkungen werden sich hier aber sehr stark regional unterscheiden. Beispiel Handel in Österreich: Laut Statistik arbeiten rund 360.000 Personen im Einzelhandel, viele davon sind Frauen. Man muss kein Hellseher sein, um vor allem in diesem Bereich eine große Automatisierungswelle bis 2030 vorherzusagen“, so Wasner.

Lebenslanges Lernen als Credo

Während im Startup-Bereich Begriffe wie Digitalisierung, Arbeitszeitflexibilisierung und AI mit offenen Armen willkommen geheißen werden, würde der Niedriglohnsektor die Veränderung drastisch spüren.

„Das Gegenbeispiel zum Handel sind klassische Männerberufe wie etwa Fernfahrer in Emerging Markets. Aufgrund des Mangels an qualifizierten Fernfahrern sind europäische Lkw Hersteller sehr darum bemüht, so schnell wie möglich autonom fahrende Lkws herzustellen. Dies hat für Westeuropa einen positiven Impact, wirkt sich aber auf Emerging Markets, wo es noch eine sehr hohe Zahl an Fernfahrern gibt, fatal aus“, sagt Wasner. Der allgemeine Tenor dabei: Wer nicht bereit ist, sich umzustellen, wird abgehängt. Als Begriff wird hier von Expertenseite „lebenslanges Lernen“ eingeworfen, was bei der Betrachtung der nahenden Neo-Arbeitswelt wiederum weitere Aspekte öffnet: Umschulung, Fachkräfte, bedingungsloses Grundeinkommen und Arbeitspsychologie.

Nach der bisherigen Aufzählung neuer Jobs, die kommen mögen, und Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft braucht, um auf den digitalen Wandel zu reagieren, ist ersichtlich, dass Neuorientierungen und Umschulungen Faktoren sein werden, ohne die ein geregelter Übergang nicht möglich sein wird.

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„Die neuen Technologien werden in allen Arbeitsbereichen Einzug halten und es wird immer wieder Neues dazukommen. Weiterbildung wird in manchen Bereichen notwendiger sein, um in der neuen Zeit mithalten zu können. Es müssten theoretisch jetzt schon erste Umschulungen stattfinden, damit die Gesellschaft in zwei, drei Jahren bereit ist für Neues“, sagt der CEO des Headhunting-Startups JobRocker, Günther Strenn. „Gerade diejenigen, die nicht bereit sind, sich zu ändern, werden verlieren und auf der Strecke bleiben. Da die technischen Fortschritte immer schneller und größer werden, sind lebenslanges Lernen und ständige Weiterbildung nicht nur notwendig, sondern unbedingt erforderlich. Es gibt keine Garantie mehr, bis zur Pension im selben Job zu sein.“

Umdenken zu Migration nötig

Ein weiterer immer wieder gehörter Begriff, wenn Digitalisierung zum Thema wird, ist der Fachkräftemangel. In Deutschland etwa steht 2025 eine Pensionierungswelle bevor, die einen weiteren Mangel an Spezialisten erzeugt, der ohne Automatisierung kaum geschlossen werden kann. In Japan sind aufgrund restriktiver Immigrationspolitik der Pflege und Gesundheitsbereich stark betroffen.

„In beiden Fällen bedeutet dies – auf Wunsch – längere Beschäftigung im Unternehmen bei gleichzeitigen Bemühungen zu mehr Automatisierung. Österreichwirkt in dieser Diskussion oft etwas unbeholfen, um nicht zu sagen unaufrichtig: So wird oft im selben Atemzug über den großen Fachkräftemangel und zu hohe Immigration geklagt, was für ein reiches Land ein Widerspruch in sich sein sollte“, sagt Wasner zu diesem Thema. „Hier ist ein Umdenken, was Ausbildung, Einstellung zu Migration und Qualifikation betrifft, dringend notwendig, da unser bestehendes System viel zu träge für die immer kürzer werdenden Zyklen ist. Erst, wenn dieses Umdenken stattgefunden hat, werden wichtige Initiativen wie Coding Ausbildung auch auf die notwendige Akzeptanz stoßen.“

Klaudia Bachinger sieht einen Weg, diesem Mangel entgegenzutreten, darin, Pensionisten wieder in den Arbeitsmarkt zu holen. „Rund 50 Prozent im DACH-Raum wollen wieder arbeiten“, sagt sie. Dabei stützt sie sich auf Studien von Leopold Stieger, Gründer von Seniors4sucess und Autor des Buchs „Pension – Lust oder Frust?“. Darin heißt es: Während 2014 rund ein Drittel der Rentner nach der Pensionierung noch Lust aufs Arbeiten gehabt hätte, wäre dieser Wert 2016 bereits bei rund der Hälfte der rund 2,7 Millionen Pensionisten im Land gewesen. Davon sehen sich zwei Drittel in einem Ehrenamt, ein Drittel in der bezahlten Arbeit. „Der Grund dafür ist die Wertschätzung beim Ausüben einer sinnvollen Tätigkeit, das soziale Gefüge, das man unter Kollegen spürt, und die mentale Bestätigung, die man erhält. Zudem hält Arbeit Menschen länger fit – geistig und körperlich. Das haben auch die Japaner in ihrem ‚Silver Human Resources Center‘ in einer Langzeitstudie belegen können“, erklärt Bachinger. Die Lücke, die durch Fachkräftemangel entstehe, ließe sich durch Frauen, Migranten und Pensionisten gut schließen, meint sie.

“Junge schneller, Ältere mit Abkürzung”

Auch JobRocker CEO Strenn sieht in dieser Idee einen Mehrwert, wenn er sagt: „Die Jungen sind schneller, aber die Alten kennen die Abkürzung. Das Knowhow der älteren Generation ist wertvoll, und das Ziel sollte sein, ihr Wissen mit den neuen Technologien zu vereinen. Gerade im Dienstleistungsbereich, in dem die Digitalisierung noch nicht überhandgenommen hat, kann man Pensionisten in den Arbeitsmarkt integrieren.“

Laut der WKO wird es hierzulande bis zum Jahr 2030 rund 3,9 Millionen über 50Jährige geben, und bis 2050 mehr als 4,4 Millionen Menschen, die das halbe Jahrhundert an Lebensjahren überschritten haben werden. „Die Babyboomer Generation geht in Pension. In Deutschland etwa werden rund acht Millionen Menschen am Arbeitsmarkt fehlen, das sind 20 Prozent der gesamten Arbeitskräfte“, sagt Bachinger, die aus Erfahrung weiß, dass ältere Semester für projektbezogene Arbeit im Sinne der Gig-Economy oder auch für Teilzeit berufe empfänglich sind.

Flexible Arbeit

Während Gedanken hinsichtlich des Fachkräftemangels um Immigration und „Demographic Aging“ kreisen, wird die zukünftige Arbeitswelt auch stark von dem umstrittenen Begriff Arbeitszeitflexibilisierung geprägt sein. Der Zwölfstundentag hat enorme Kritik ausgelöst, aber auch Befürworter gefunden. Globaler Konkurrenzdruck wird von Unternehmern gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht, gesetzliche Freiheiten zu haben, um Mitarbeiter nach Bedarf länger einzusetzen.

Dazu nennt Bernhard Niesner vom sozialen Netzwerk für Sprachenlernen busuu die Formel 996 aus China als Beispiel des harten Wettbewerbs. „In China praktizieren manche Firmen das sogenannte ‚996‘, ‚working 9 a. m. to 9 p. m., 6 days a week‘. Natürlich ist dies nicht im Sinne der Arbeitnehmer und wirkt sich sicherlich mittel- bis langfristig auch extrem negativ auf die Kultur in einer Firma und auf die Effizienz – Stichwort Burnout – aus. Aber dies ist leider die Realität, wenn man mit solchen hoch aggressiven Firmen im Wettbewerb steht“, sagt er und betont deutlich, dass er kein Befürworter einer „100-Stunden- Arbeitswoche“ sei, ein wenig mehr Flexibilität teilweise jedoch nicht schaden würde, „um es Firmen und Mitarbeitern zu ermöglichen, wenn es mal wirklich wichtig ist und ums Überleben der Firma geht, auch mal mehr zu arbeiten“.

Auch Strenn schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn er sagt: „Wenn Unternehmen weiterhin wettbewerbsfähig bleiben wollen, ist die Flexibilität der Unternehmen und der Mitarbeiter gefragt. Dadurch, dass Fließbandarbeit immer mehr ersetzt wird und outputbezogene Arbeit kaum messbar ist, müssen auch Unternehmen umdenken. Gerade durch Technologien ist ein effizienteres Arbeiten möglich, und es sollte projektbezogen und zielorientiert gedacht und gearbeitet werden.“ Bachinger spricht sich zudem dafür aus, dass flexiblere Arbeitszeit in Absprache mit Arbeitnehmern zu implementieren ist. Sie weiß, dass es in manchen Branchen nötig ist, flexibel zu sein, und denkt nicht, dass es sich heutzutage Arbeitgeber – wie befürchtet – leisten können, ihre Angestellten auszunützen und damit ihrer Arbeitgebermarke („Employer Brand“) maßgeblich zu schaden. Durch die Transparenz mit Kununuu, Glassdoor, LinkedIn und Co. wissen die Bewerber ganz genau, wie Arbeitsklima und Leadership eines Unternehmens sind.

Information ≠ Wissen

Aus unternehmerischer Sicht scheint die Übereinkunft zu herrschen, dass mit dem globalen Markt, der Digitalisierung, dem Konkurrenzdruck und Phasen, in denen mehr Arbeitskraft benötigt wird, die eingeführte Flexibilisierung Unternehmen mehr Spielraum gewährt, um zu agieren und zu reagieren, wo es verlangt ist. Aus arbeitspsychologischer Sicht spielen da noch andere Punkte hinein, wie Mario Schuster, Founder von Mental Synergy, Mentaltrainer sowie auch Berater bei arbeitspsychologischen Fragestellungen, erzählt. Er arbeitet mit CEOs und Managern großer Konzerne (darunter Personen aus der Automobilindustrie) zusammen und hilft dabei, mentale Kompetenzen zu steigern. „Die Digitalisierung löst bei Manchen Ängste aus und ist nur schwer greifbar. Digitalisierungsprozesse an sich gibt es bereits seit über 20 Jahren, dennoch braucht es jetzt Orientierung und Aufklärung, da der Mensch mit der technologischen Entwicklung teilweise nicht mehr mitkommt“, sagt er.

Da man heutzutage einen unendlichen Zugriff auf Information habe, finde ein „Information-Overload“ statt, der nicht automatisch zur Generierung von mehr Wissen führe. Schuster nennt es das „Crackberry-Phänomen“, welches beschreibt, dass man den inneren Zwang hat, immer und überall erreichbar sein zu müssen und seine Nachrichten zu checken.

Arbeit, AI, KI

(c) Google – Ein “Informations-Overload” – wie es ihn heutzutage gibt – führt nicht automatisch zur Aneignung von mehr Wissen.

Ähnlich einer Sucht

Schuster erkennt auch im Arbeitsbereich eine übertriebene Smartphone-Nutzung und ein exzessives Verhalten, das beinahe einer Sucht gleichkommt. Rückbezogen auf die Arbeitszeitflexibilisierung bringt der Psychologe den Vergleich eines Marathonläufers A, der jeden Tag zehn und am vierten Tag zwölf Kilometer läuft, während Person B den Marathon an einem Tag bewältigt. „Beim zweiten Fall ist die individuelle Beanspruchung deutlich höher und die notwendigen Erholungsphasen sind überproportional länger“, sagt er. Ähnlich verhalte es sich beim Arbeiten.

„Nach sieben, acht Stunden steigt das Unfallrisiko deutlich an und Erschöpfung setzt ein. Bei einer Arbeitszeit von viermal zwölf Stunden in der Woche reichen drei Tage Erholung nicht aus, um die Belastung dieser Zeit abzubauen“, so Schuster weiter. Der Mensch sei zwar kein fragiles Wesen und könne über kurze Zeiten ein solches Arbeitspensum durchaus aushalten, jedoch benötigt er auch sinnvolle Belastungs- und Regenerationszyklen, um Leistungseinbußen oder gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Die Konsequenz sei, dass es dann immer schwerer falle, nach der Arbeit abzuschalten.

Cybertariat

Auch dadurch, dass Arbeit und Freizeit und zeitliche und räumliche Dimension verschmelzen – etwa Arbeiten aus dem Zug per Laptop –, werden Erholungsprozesse gehemmt. Andrea Birbaumer, ihres Zeichens stellvertretende Obfrau der Gesellschaft kritischer Psychologen und Psychologinnen, Fachabteilung A&O Psychologie, möchte in dieser Hinsicht ebenfalls nicht schwarzmalen, führt aber den Begriff „Cybertariat“ von Ursula Huws, Professorin an der University of Hertfordshire, ins Feld.

Der Begriff ist an das Wort Prekariat angelehnt und beschreibt die neue Arbeitsorganisation. „Menschen sind permanent ‚on‘ und suchen sich online Arbeit. Die Gig-Economy erzeugt Spannung, das Stresslevel steigt. Es gibt keine Absicherung“, sagt sie. „Aus gesellschaftlicher und gesundheitlicher Sicht muss man sagen, dass nicht jeder es schafft, sich ständig neu zu orientieren und zu netzwerken, um sich Arbeit zu beschaffen.“

Auch die Psychologin sagt, dass es Tendenzen der Digitalisierung bereits es seit zwei Jahrzehnten gebe; das sei nicht neu, jedoch führe das ständige Arbeiten-Können-und-Müssen zu einer Reihe von Nachteilen. Es fehle an Regenerationsphasen, was zu gastrovaskulären oder Herz- Kreislauf- Beschwerden führen könne.

Allerdings sei die Anpassung auch eine Generationsfrage. Junge Menschen seien durch ihre Sozialisierung mit neuer Technologie anpassungsfähiger, jedoch gebe es dazu noch keine konkreten Daten. „Tendenzen zeigen aber, dass all das nicht folgenlos bleibt“, so Birbaumer.

Die Psychologin denkt zudem, dass Arbeit künftig wegen der Technologisierung auch von einem großen Kontrollaspekt geprägt sein wird. Permanentes Dokumentieren und Eingeben von Daten könne zu einem Super-GAU führen, wenn sich die Frage stellt, wann die eigentliche Arbeit getan werde. Besonders Führungskräfte würden zukünftig stark gefordert sein. Zwischen Vorgaben der Politik und Unternehmenskonzepten müssten sie auch gleichzeitig Mitarbeiter stützen. „Dies könnte die Qualität der Arbeit steigern, etwa bei Transparenz und dem Vergleich, ist aber zugleich auch stark branchenabhängig“, so Birbaumer.

Digitalisierung der Arbeit, Fachkräftemangel, Demographic Aging, Arbeitspsychologie, Arbeitsplatzvernichtung vs. Neue Jobs, Umdenken und Umschulung – all diese Begriffe, die in ein paar Jahren wesentliche Themen des gesellschaftspolitischen Prozesses sein werden, deuten bereits heute an, dass es bald passende Rahmenbedingungen braucht.

BGE als „Power“

Ein Punkt, der alle genannten Faktoren umfasst und immer wieder ins Spiel gebracht wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Kritiker sehen darin eine soziale Hängematte, die das Ende der Arbeit einläutet. Andere möchten damit den Druck auf die Arbeitnehmer mindern. Clemens Wasner dazu: „Am BGE wird kein Weg vorbeiführen. Die Erklärung hierfür ist simpel: Mit zunehmender Geschwindigkeit, in der sich neue Technologien und Methoden im Berufsalltag ausbreiten, wird es unumgänglich, den Bürgern auch die Zeit einzuräumen, diese zu erlernen. In dem Zusammenhang finde ich es kurios, dass etwa die internen Trainingsprogramme und Mitarbeiterfreistellungen im Silicon Valley allseits gelobt werden, gleichzeitig aber auf die Bildungskarenz, die ein noch weitaus progressiveres Instrument ist, geschimpft wird“, sagt er. „Arbeit als soziale Bedeutung heißt, Anerkennung erfahren, den Sinn darin sehen und Motivation besitzen – und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Wenn man aber nur ums Überleben kämpft, fehlt es an Qualität“, sagt Birbaumer. Kreativität hätte unter einem BGE Platz, bei dem es nicht darum ginge, dass man sich die nächste vom Staat finanzierte Villa leisten könne, sondern den Druck des Alltags entferne. „Die Leute hätten mehr Energie für Engagement. Ich sehe darin keine Hängematte, sondern Power.“ Jedoch müsse man differenzieren, für welche Gruppe es bestimmt sei. Und die Frage der Höhe gelte es ebenfalls abzuklopfen.

“Innovation durch Erholung”

Auch Mario Schuster erkennt im BGE ein sensibles Thema. „Tätigkeiten mit geringerer, aber auch mittlerer Qualifikation fallen weg, dafür wird es mehr Spezialisten brauchen. Bei 300.000 Arbeitslosen heißt das aber nicht, dass daraus 300.000 neue IT-Techniker werden“, so Schuster. Der Arbeitspsychologe nennt dazu drei psychologische Grundbedürfnisse des Menschen, die bei diesem Thema richtungsweisend sein könnten und das Killerargument „faule Haut“ etwas entkräften: Das Individuum brauche nach der Self-Determination-Theory der Forscher Edward L. Deci und Richard M. Ryan (erstmals 1985 an der University of Rochester vorgestellt) Anerkennung, Weiterentwicklung und Autonomie. In ihrem Paper heißt es zudem, „Menschen, die über ihre Tätigkeit frei entscheiden können, sind wesentlich motivierter“. Dabei soll diese Freiheit nicht als „frei von Pflichten und Arbeit“ verstanden werden, sondern als „frei von Überlebenskampf und Druck“, was zugleich als Entspannungsfaktor in einer veränderten Arbeitswelt mit hohen Anforderungen gelten kann. Denn Schusters Worten nach verhält es sich so: „Innovation entsteht nicht durch mehr Arbeit, sondern durch Erholung.“

Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form im brutkasten Magazin #7 “Die Welt in 5 Jahren”