Der Aufstieg und Fall unserer Weltordnung

Hedgefonds-Legende Ray Dalio hat eine faszinierende Vogelperspektive auf das Finanzsystem erarbeitet. Er sieht uns am Ende eines großen Schuldenzyklus, der seit 76 Jahren läuft. Jetzt wird’s rumpelig.
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Nikolaus Jilch: Lehren aus Monopoly.
Nikolaus Jilch: Lehren aus Monopoly. (c) Georg Schober / Adobe Stock / Stephan Dinges
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  • Kaum ein Verschwörungsvideo kommt ohne eine Referenz zu dieser „neuen Weltordnung“ aus. Aber das ist Angstmache.
  • Milliardär und Hedgefonds-Legende Ray Dalio nutzt den Begriff in seiner neuesten Analyse ganz lapidar für das, was er den Beginn eines „langen Schuldenzyklus“ nennt.
  • Laut Dalio ist 1944 in Bretton Woods, wo der Dollar als an Gold gebundene Weltwährung etabliert wurde, eine „neue Weltordnung“ entstanden.
  • Von 2008 bis 2020 haben die Staaten und Notenbanken Geld in den Markt gepumpt und es von diesem verteilen lassen.
  • Aktuell stecken wir mitten in der letzten Phase des Spiels. Corona hat alles nur beschleunigt.

Als Kinder haben wir gerne Monopoly gespielt. Das lief immer nach demselben Muster. Am Anfang hat jeder die gleiche Summe. Grundstücke werden gekauft und getauscht, Häuser gebaut, dann Hotels. Das Würfelglück entscheidet. Wenn das Geld aufgebraucht ist – kein Problem! Bei Monopoly kann man Hypotheken aufnehmen, um sich Geld zu besorgen. Aber das ist mühsam, langweilig und bringt nicht viel Geld. Wir haben irgendwann einen Zettel rausgeholt und neue Schulden einfach aufgeschrieben.

Das war die Inflation.Die Geldmenge ist gestiegen.

Diese Schulden wurden dann hin und her geschoben, je nachdem wer bei wem gelandet war und Miete zahlen musste. So konnten wir tagelang spielen. Manchmal stieg jemand aus, weil er keine Lust mehr hatte. Das war eine echte Krise. Ein Spieler weniger, sein Vermögen und seine Schulden wurden gestrichen.

Das war die Deflation. Die Geldmenge ist gefallen.

Der Schock war aber stets schnell überwunden. Weiterwürfeln, weiterzahlen, weiter verschulden. Geht doch. Aber irgendwann war dann der Punkt erreicht, an dem die immer höheren Geldsummen, das ewige Schuldenmachen und Schuldenverschieben keinen Spaß mehr machte. Die Nummern, die eigentlich über Sieg und Niederlage entscheiden sollten, verloren ihre Bedeutung. Da jeder sich endlos bei einer imaginären Zentralbank verschulden konnte, war das ganze Spiel sinnlos geworden. Das Geld war für uns wertlos.

Das war die Hyperinflation.

Wir beendeten das Spiel.

Das war die Währungsreform.

Und fingen das nächste an.

Die neue Weltordnung.

Kaum ein Verschwörungsvideo kommt ohne eine Referenz zu dieser „neuen Weltordnung“ aus. Aber das ist Angstmache. Milliardär und Hedgefonds-Legende Ray Dalio nutzt den Begriff in seiner neuesten Analyse ganz lapidar für das, was er den Beginn eines „langen Schuldenzyklus“ nennt. Und der Begriff ist passend. Denn nichts ist wichtiger für das globale Zusammenleben als das Geldsystem. Laut Dalio ist 1944 in Bretton Woods, wo der Dollar als an Gold gebundene Weltwährung etabliert wurde, eine „neue Weltordnung“ entstanden. Die Details dieses Systems und seine konkrete Entwicklung seither, habe ich hier auf Twitter zusammengefasst.

Aber heute bleiben wir in der Vogelperspektive. Und fragen uns: Wenn diese Phase seit 1944 ein Monopolispiel wäre – wo stehen wir dann circa? Seit 2000 häufen sich die Krisen, Gelddrucken und Schulden nehmen immer extremere Ausmaße an. 2008 war ein lauter Warnschuss, ein Herzinfarkt des Finanzsystems, das nur durch riesige Mengen intravenösen Adrenalins wiederbelebt werden konnte. Von 2008 bis 2020 haben die Staaten und Notenbanken Geld in den Markt gepumpt und es von diesem verteilen lassen. „Das drückt die Preise von Finanzassets typischerweise nach oben, ist aber sehr ineffizient, wenn es darum geht, Geld zu denen zu bringen, die es wirklich benötigen“, so Dalio.

Es läuft seit Jahrtausenden immer nach demselben Drehbuch

Aktuell stecken wir mitten in der letzten Phase des Spiels. Corona hat alles nur beschleunigt. Jetzt greift der Staat direkt ein und schickt das Geld dorthin, wo er glaubt, dass es benötigt wird. Das hat in den USA am 9. April 2020 begonnen, sagt Dalio. Dies ist die Phase von Helikoptergeld, Grundeinkommen und MMT – und sie hat gerade erst begonnen.

Der Vorteil dieser Methode: Es ist effizienter und politisch einfacher als die Einführung von Vermögens- und Erbschaftssteuern zur Umverteilung von Geld. Der Nachteil: Das ganze Gelddrucken geht auf Kosten der Währung und der Staatsanleihen. Geld wird in unserer Wahrnehmung und in der Realität immer weniger wert.

+++Mehr zur Reihe „Junges Geld“+++

Dalio hat für sein neuestes Buch, das erst im September erscheint, den Aufstieg und Fall mehrerer „Weltordnungen“ (Rom, China, USA) untersucht und festgestellt, dass der Mensch dasselbe Drehbuch immer wieder abspielt: Wir starten mit hartem Geld, meistens Gold. Dann kommen die Banknoten, die einen Anspruch auf Gold darstellen. Von denen werden ohne Ausnahme mehr gedruckt als die Geldbasis (das Gold) erlaubt. Dann kommt der Umstieg auf reines Papiergeld und der Schuldenturbo wird gezündet. Das geschah im August 1971, als Richard Nixon die Dollar-Gold-Bindung beendete.

„Gelddrucken, das muss die Lösung sein!“

Die Krisen werden häufiger, die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, die sozialen Spannungen verschärfen sich – aber die Finanzmärkte feiern eine große Party. Bis die Blase platzt. Dann wird nochmal gegengesteuert, alles mobilisiert: Geld, Geld, Geld und noch mehr Geld soll es richten. Nach jeder Blase werden die Ideen extremer. Im Jahr 2020 haben wir die Phase erreicht, in der auch einige Ökonomen ernsthaft überzeugt sind: „Gelddrucken, das muss die Lösung sein!“

Wie geht es jetzt also weiter? Das ist die Kernfrage. Solange es keinen totalen Zusammenbruch gibt oder eine Währungsreform kommt, läuft das Spiel. Was wir nicht wissen: Werden die frischen Geldmengen in der Lage sein, eine weitere wirtschaftliche Expansion anzufeuern, wie wir sie nach 2000 und 2008 gesehen haben? Oder sehen wir schwaches Wachstum bei hoher monetärer Inflation? Das zweite Szenario würde dann das echte Endspiel einleiten. Eine Flucht aus Anleihen und Währungen in Sachwerte wie Gold, Immobilien und bestimmte Aktien.

Langsam wird das Spiel langweilig, oder?

„Die Verwässerung der Währung führt zu einer Abwertung und die Menschen flüchten aus den Währungen und Anleihen in diesen Währungen. (…) Irgendwann werden die Schulen einfach gestrichen, meistens indem man das Geld, mit dem sie zurückgezahlt werden, sehr billig macht, was Geld und Schulden abwertet. Wenn das so extrem wird, dass das Geld und Kreditsystem anfängt, zusammenzubrechen, muss der Staat zu irgendeiner Form von harter Währung zurück finden, etwa indem er sein Geld an eine Leitwährung oder Gold bindet“, schreibt Dalio.

Dann beginnt ein neues Spiel. Wenn Entwicklungsländer das machen, sehen wir es als „Emerging Market Krise“. Das kommt immer wieder mal vor. Wenn die Industriestaaten das machen, entsteht eine „neue Weltordnung“. Dalio sagt, dass dieser Zyklus seit tausenden von Jahren zu beobachten ist. Schon im alten Testament war von einer Schuldenstreichung alle 50 Jahre die Rede. Laut dem Hedgefondsmanager dreht sich die Weltordnung seitdem alle 50 bis 75 Jahre. Unsere aktuelle läuft seit 1944. Also schon 76 Jahre. Und langsam wird das Spiel langweilig, oder?

==> Hier geht es zur ganzen extrem lesenswerten Analyse von Ray Dalio.


Disclaimer: Dieser Text sowie die Hinweise und Informationen stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Sie dienen lediglich der persönlichen Information und geben ausschließlich die Meinung des Autors wieder. Es wird keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie abgegeben. Die Inhalte von derbrutkasten.com richten sich ausschließlich an natürliche Personen.


Über den Autor

Niko Jilch ist Wirtschaftsjournalist, Speaker und Moderator. Nach acht Jahren bei der „Presse“ ging er Ende 2019 zum Thinktank „Agenda Austria“, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Bereiche „Geldanlage und digitale Währungen“ abdeckt, sowie digitale Formate aufbaut, etwa einen neuen Podcast. Twitter: @jilnik

==> Mehr über die Kolumne „Junges Geld“

Redaktionstipps

die Redaktion

Regierung kündigt Senkung der Mehrwertsteuer für Gastro, Kultur & Medien an

Die österreichische Bundesregierung kündigte am Freitag für die von der Coronakrise besonders betroffenen Branchen Gastronomie, Kultur und Tourismus eine vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer an. In der Gastronomie soll der Steuersatz auf Essen und Getränke auf fünf Prozent bis Jahresende gesenkt werden. Kritik kommt von der Opposition.
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Mehrwertsteuer
(c) Regina Aigner / BKA

Bereits vergangene Woche ließ Bundeskanzler Sebastian Kurz anklingen, dass er sich eine zeitlich begrenzte Senkung der Mehrwertsteuer für besonders betroffene Branchen, wie Gastronomie, Tourismus oder Kultur, vorstellen könne.

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Senkung der Mehrwertsteuer, Steuerstundungen & Verlustrücktrag

Die Ankündigung des Kanzlers wurde nun am Freitag von Finanzminister Gernot Blümel, Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und der neuen Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer in einer gemeinsamen Pressekonferenz konkretisiert. Demnach soll in den Bereichen Gastronomie, Kultur und Medien die Mehrwertsteuer auf fünf Prozent gesenkt werden.

Die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer in den drei genannten Bereichen soll laut Blümel bis 31. Dezember gelten. Derzeit werden noch letzte Details mit der EU-Kommission abklärt, so Blümel.

Darüber hinaus sollen Steuerstundungen um dreieinhalb Monate bis zum 15. Jänner 2021 verlängert werden können. Weitere Unterstützungsmaßnahmen für die heimische Wirtschaft sollen auf der Regierungsklausur, die nächste Woche stattfindet, erarbeitet werden. Dazu zählt unter anderem eine Maßnahme zum „Verlustrücktrag“. Gewinne aus dem Vorjahr sollen mit Verlusten, die 2020 entstanden sind, gegengerechnet werden können.

Bereich: „Gastronomie“

In Gastronomie umfasst die Mehrwertsteuersenkung den Verkauf von Speisen und alkoholischen- sowie nicht-alkoholischen Getränken. Im Rahmen des „Wirte-Pakets“, das im Mai vorgestellt wurde, war bislang lediglich eine Mehrwertsteuersenkung auf nicht-alkoholische Getränke von 20 auf 10 Prozent vorgesehen.

Neben Restaurants und Gasthäusern soll die Senkung der Mehrwertsteuer laut Köstinger auch für Buschenschenken und Heurigen gelten. In Summe geht die Regierung von einem Entlastungsvolumen von rund 700 Millionen Euro aus.

Kultur & Medien

Die Mehrwertsteuersenkung soll jedoch nicht nur Gastronomen zu Gute kommen, sondern auch Medienmacher und freischaffende Künstler berücksichtigen.

Laut der neuen Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer soll es auch eine Mehrwertsteuersenkung für Zeitungen, periodische Druckschriften und Bücher geben. Die Mehrwertsteuer soll ebenfalls auf fünf Prozent gesenkt werden. Ähnliches soll für den Kauf von Kunstwerken, den Besuch von Museen, Kinos oder Musikveranstaltungen gelten.

Demnach soll es laut Mayer beim Kauf eines Buches, das 20 Euro kostet, eine steuerliche Entlastung von rund einem Euro geben. In Summe erhofft sich die Kulturstaatssekretärin eine Entlastung für den Kultur & Medienbereich von rund 150 bis 200 Millionen Euro.

Kritik der Opposition

Bereits im Vorfeld gab es Kritik von Seiten der Opposition. In einer Pressekonferenz am Freitagvormittag kritisierte SPÖ-Bundesparteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner die geplante Senkung der Mehrwertsteuer als zu wenig.

Die SPÖ fordere laut Rendi-Wagner eine vollständige Entschädigungszahlungen für Betreibe. „Ich sehe mit der Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie nicht den nötigen Wurf gegeben. Es wäre sicherlich besser alle während des Shutdowns erlittenen Verluste ausgzugleichen“, so Rendi-Wagner.

SPÖ fordert Beteiligungfonds

Neben der Kritik an der Mehrwertsteuersenkung fordert die SPÖ-Chefin für Betriebe eine „neue Art der Eigenkapitalstütze“ in Form eines Beteiligungsfonds.

„Die Regierung soll einen Beteiligungsfonds schaffen und der Staat soll sich mit Kapital an kleinen und mittleren Betrieben beteiligen. Der Staat ist damit auch am Gewinn beteiligt – anders, als es zuletzt bei der AUA gelaufen ist“, so Rendi-Wagner. Im Gegenzug soll es von den Betrieben Auflagen, wie etwa Arbeitsplatzgarantien geben.


=> zur Page des BKA

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