„Maschinen haben das Potenzial, die Vorurteile von Menschen auszugleichen“

Wie kann man den Frauenanteil in Männerdomänen heben und welche Rolle spielen dabei Anreize und Algorithmen? Eva Czernohorszky von der Wirtschaftsagentur Wien im Interview.
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Eva Czernohorszky leitet bei der Wirtschaftsagentur Wien die Technologie Services © Wirtschaftsagentur/Husar
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In Österreich machen sich zwar viele Frauen selbstständig, hoch innovative Unternehmen sind aber nach wie vor eine Männerdomäne. Die Wirtschaftsagentur Wien unterstützt Startups und Unternehmen mit Fördergeldern und bei Herausforderungen rund um Innovationen – und legt dabei immer wieder einen starken Fokus auf Diversität. Eva Czernohorszky leitet bei der Wirtschaftsagentur den Bereich Technologie Services und ist dort auch Diversitäts-Beauftragte. Sie erzählt im Interview, warum es explizite Fördercalls für Frauen braucht, wie schwer es Menschen manchmal fällt, über eigene Vorurteile hinwegzusehen und faire Entscheidungen zu treffen und warum es auch rein wirtschaftlich betrachtet wichtig ist, dass mehr Frauen bei Innovationen an Schlüsselpositionen sitzen.

Wenn es darum geht, den Frauenanteil in Männerdomänen zu heben, gibt es zwei Lösungsansätze, die immer wieder genannt werden: Role Models und Kindererziehung bzw. frühe Bildung. Siehst du das auch so?

Eva Czernohorszky: Ich würde noch eines ergänzen: die Anreize. Wenn wir die FemPower-Calls ausschreiben und gezielt in der betrieblichen Forschung Projekte fördern, die von Frauen geleitet werden, bewirken wir damit etwas. In den Unternehmen werden Frauen gefunden, die kompetent sind für Projektleitungen. Wir haben auch mit Partnern evaluiert, dass diese Frauen dann in Folge weitere Projektleitungen bekommen haben oder sogar Führungspositionen in ihren Unternehmen.

Also es braucht explizite Fördercalls für Frauen und es genügt nicht, bei allgemeinen Calls ein stärkeres Gewicht auf Diversität zu legen.

Wir glauben, es braucht beides.

Wie gestaltet ihr bei herkömmlichen Calls die Auswahl der eingereichten Projekte – oft spielt bei solchen Verfahren ja Bias, also eine gewisse Vorverurteilung, eine Rolle, ob man will oder nicht.

Das ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt. Wir haben uns im Haus mit diesem unconscious bias – also unbewusstem Vorurteil – stark beschäftigt. Wir stellen sicher, dass alle Mitarbeitenden bei uns entsprechend geschult werden. Wir haben genau analysiert, ob die Chance von Projekten von Frauen, die bei uns eingereicht haben, genauso hoch ist, wie die von männlich geführten Projekten. Wir haben mit Schrecken festgestellt, dass das nicht der Fall ist. Auch in unseren Jurys hat also der unconscious bias zugeschlagen. Die Reaktion darauf war, dass wir ein Schulungstool entwickelt haben, in dem man mit diesen eigenen Vorurteilen konfrontiert wird.

Glaubst du allgemein, dass in Zukunft Algorithmen einen positiven Beitrag zu Diversität leisten können. Bisher gibt es ja nicht nur gute Erfahrungen damit.

Im Moment ist es eher so, dass Algorithmen den Bias eher verstärken. Wir haben in Wien aber mit IEEE eine Standardisierungs-Organisation, die weltweit führend daran arbeitet, trustworthy AI zu entwickeln, die diese Biases nicht zulässt. Ich hoffe sehr, dass das auch dazu beiträgt, Wien international zu positionieren – mit einer humanistischen Digitalisierung. Maschinen haben das Potenzial, die Vorurteile von Menschen auszugleichen und gerechter zu agieren, vorausgesetzt, sie werden mit den richtigen Daten trainiert.

Das ist also schon eine Perspektive, dass in der ferneren Zukunft Förderentscheidungen in der Wirtschaftsagentur von einem Algorithmus vollständig fair und ausgeglichen entschieden werden?

Ich glaube schon, dass Algorithmen zu gerechten Entscheidungen beitragen können, ich bin allerdings unsicher, ob ein Algorithmus Innovation erkennen kann. In der Jury geht es ja nicht nur um Gleichberechtigung, sondern auch darum, bei Projekten im Vergleich zu schauen, wo das größte Potenzial steckt. Das traue ich einer Maschine weniger zu.

Warum?

Weil es Maschinen an der Kreativität mangelt – das ist nach wie vor etwas, was Menschen Maschinen voraus haben.

Der Frauenanteil in der Gründungsstatistik Österreichs ist sehr hoch – ist das ein gutes Zeichen?

Da sind sicher viele Existenzgründungen dabei, also von Menschen, die keine andere berufliche Perspektive sehen. Es sind sicher auch Gründungen in Branchen dabei, wo Selbstständigkeit Unselbstständigkeit ablöst und das primär auf Kosten der Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Das sind wahrscheinlich oft Branchen, in denen der Frauenanteil sehr hoch ist. Insofern ist es sicher nicht nur positiv.

Frauen machen sich also oft selbstständig, gründen aber eher selten Tech-Startups – warum wäre das aus deiner Sicht aber wichtig?

Erstens, weil es dort positiv ist. Weil das ein selbstbestimmtes Leben ist, in dem man die Zukunft gestaltet. Zweitens, weil es nachweislich auch die Erfolgschancen der Startups erhöht. Die Boston Consulting Group hat mit vielen Partnern bei vielen Investments in den USA erhoben, ob Frauen die gleichen Chancen haben, zu Venture Capital zu kommen wie Männer. Das ist bedauerlicherweise nicht der Fall. Männlich geführte Startups haben durchschnittlich zwei Millionen Dollar geraised, Frauen ungefähr eine Million Dollar. Das Überraschende und Beeindruckende ist aber, dass dann die Rendite bei von Frauen gegründeten Startups viel besser war. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass diverse Teams auch die bessere Qualität liefern und bessere Erfolgsaussichten haben.

Das hat ja auch mitunter damit zu tun, dass Investoren meist Männer sind.

Ja, und wieder mit diesem unconcious bias. Wir haben das in unseren Trainings auch gesehen. Die gesamte Gruppe hat einen Lebenslauf bekommen und eine Job Description. Wir mussten dann von 0 bis 100 quantifizieren, wie gut dieser Kandidat oder diese Kandidatin auf den Job passt. Der Lebenslauf war immer gleich, es waren nur die Geschlechter und die Nationalitäten verschieden. Und dennoch haben die Einschätzungen von 20 Prozent Übereinstimmung bis 80 Prozent gereicht. Das hat uns die Augen geöffnet. Man tappt immer wieder in diese Vorurteils-Falle, selbst, wenn man bei dem Thema schon sensibilisiert ist. Man muss sich das immer wieder bewusst machen.

Es gibt zwar immer mehr Frauen in der IT, aber nach wie vor ist der Bereich sehr Männer-dominiert – wie war eigentlich dein erster Kontakt mit der IT, wie bist du in diesem Bereich gelandet?

Ich bin ausgebildete Politologin und habe mich während des Studiums auf Forschungspolitik spezialisiert. Meine nächsten Stationen waren das Wissenschaftsministerium und die Universität Wien und ich bin dann eher durch Zufall bei der Wirtschaftspolitik gelandet, weil dort in den späten 1990ern das Thema Technologietransfer sehr relevant war. Insofern war es gut, dass ich wusste, wie Universitäten funktionieren. Dann bin ich immer stärker in diese Wirtschaft- und Technologie-politischen Themen hineingewachsen. Die IT ist als Schwerpunkt in Wien immer größer geworden – zum Beispiel auch in den COMET-Forschungszentren, die wir fördern.

Gibt es in diesen Bereichen mittlerweile mehr Frauen als früher?

Es ist noch immer eine Männerdomäne. Zum Glück gibt es aber nicht mehr diese Veranstaltungen, wo von 100 Menschen nur fünf Frauen sind. Die sind die Ausnahme geworden und auch das Bewusstsein für Diversität ist sehr stark gewachsen. Ich kann mich erinnern, als wir 2004 einen ersten Call gemacht haben, in dem wir nur betriebliche Forschungsprojekte gefördert haben, die von Frauen geleitet wurden. Das war damals relativ revolutionär. Andere Förderagenturen haben damals noch betont, dass sie Exzellenz fördern unabhängig vom Geschlecht. Das würde heute niemand mehr sagen. Sowohl FFG als auch aws würden betonen, dass Diversität wichtig ist für Innovation. Das Mindset hat sich also verändert und langsam sieht man das auch in den Zahlen. In der betrieblichen Forschung war der Frauenanteil 2004 bei 12 Prozent und jetzt ist es ungefähr ein Viertel. Ähnlich ist es auch in der Startup-Community, wo wir jetzt auch ein Wachstum von 12 auf 19 Prozent bei Gründerinnen hatten. Aber bis zu einer Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun.

Martin Pacher

Cleanvest: So werden Fonds auf Kinderarbeit, fossile Energie & Co geprüft

Das Wiener Sozialunternehmen ESG Plus betreibt seit Herbst 2019 die Online-Plattform "Cleanvest", die Fonds anhand von zehn Kriterien, wie beispielsweise Kinderarbeit oder fossile Energie, auf ihre Nachhaltigkeit prüft. Elisabeth Müller, Country Managerin Österreich, erläutert im Interview, wie diese Kriterien in der Praxis überprüft werden und spricht zudem über die weiteren Wachstumspläne.
/cleanvest-interivew-elisabeth-mueller/
Cleanvest
Country Managerin Österreich von ESG Plus Elisabeth Müller | (c) der brutkasten
interview

Seit Anfang 2020 führt Elisabeth Müller als Country Managerin die Österreich-Geschäfte von ESG-Plus, das die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Fonds-Vergleichsplattform „Cleanvest“ betreibt. Das Wiener Sozialunternehmen rund um Gründer Armand Colard wurde 2019 gegründet und expandiert aktuell nach Deutschland – der brutkasten berichtete.

Die Plattform Cleanvest ermöglicht es privaten und institutionellen Investoren klimaschonende und sozial nachhaltige Fonds zu identifizieren. Die Nutzer können bestehende Investitionen nach zehn Kriterien prüfen oder neue Investitionsmöglichkeiten suchen, die zu ihren eigenen Werten passen.

Im Rahmen von „One Change a Week“ – dem Nachhaltigkeitsformat des Brutkastens – spricht Müller darüber, wie diese Kriterien in der Praxis überprüft werden.

Welchen Impact hat ESG Plus mit seiner Plattform „Cleanvest“?

ESG Plus ist ein Sozialunternehmen und als solches sind wir auf nachhaltige Lösungen für den Finanzmarkt spezialisiert. Zu unseren Kunden zählen Banken, Versicherungen aber auch institutionelle Investoren, wie Vorsorge- oder Pensionskassen.

Damit das Pariser Klimaschutzabkommen und das darin verankerte 1,5-Grad-Ziel umsetzbar ist, braucht es eine Menge an Geld und Investments in Nachhaltigkeit. Die Europäische Kommission hat beispielsweise berechnet, dass jährlich rund 260 Milliarden Euro für die Finanzierung des Ausbaus erneuerbarer Energien benötigt werden. Und genau hier kommen wir ins Spiel. Wir beraten unsere Kunden dabei, wie sie ihre Kapitalströme von klimaschädlichen Investments zu Investments umschichten können, die zu mehr Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit beitragen. Aktuell betreuen wir mit unseren Kundenprojekten rund zehn Milliarden Euro „Assets under management“.

Zusätzlich haben wir in der Vergangenheit eine starke Nachfrage durch Retail-Investoren wahrgenommen und bieten unsere Vergleichsplattform für Privatpersonen kostenlos an. Ziel ist es, dass sie ihre Investitionsentscheidungen mit ihren eigenen Werten in Einklang bringen können.

Wie prüft ihr die Fonds und Anlageprodukte auf deren Nachhaltigkeit?

Aktuell prüfen wir rund 4000 Anlageprodukte und 12.000 Asset-Klassen. Dazu zählen Aktienfonds, ETFs oder Mischfonds. In der Analyse befassen wir uns sowohl mit konventionellen Fonds als auch Fonds, die spezifisch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind.

Im Zuge der Überprüfung kommen zehn Nachhaltigkeits-Kriterien ins Spiel, die wir gemeinsam mit unseren Partnern aus der Zivilgesellschaft definiert haben. Im Artenschutzbereich kooperieren wir beispielsweise mit dem „WWF Österreich“, bei Kinderarbeit mit „Jugend Eine Welt“ oder bei fossiler Energie und Gas mit „Global 2000“.

Um an die Daten der Anlageprodukte zu kommen, arbeiten wir mit unterschiedlichen Datenprovidern zusammen. Die Kerndaten und Zusammensetzung der einzelnen Anlageprodukte erhalten wir vom Finanzinformations- und Analyseunternehmen Morningstar. Dies umfasst unter anderem die Renditeentwicklung oder Zusammensetzung der Fonds – beispielsweise welche Holdings sich beteiligen.

Für die Gesamtbewertung eines Fonds, werden die enthaltenen Unternehmen den zehn Cleanvest Kriterien zugeordnet und individuell bewertet. Dazu zählen sowohl positive Geschäftstätigkeiten, als auch negative Vorfalls- und Ausschlusskriterien. Diese umfassen beispielsweise Artenschutz, Kinderarbeit, indigene Rechte und seit März diesen Jahres die Gleichstellung von Frauen.

Wie kommt ihr zu den Vorfallsdaten?

Hierfür arbeiten wir mit einem Schweizer Datenanbieter zusammen, der uns die Vorfälle übermittelt. Im Bereich Kinderarbeit und Gleichstellung von Frauen sind es jährlich um die 300 Vorfälle, bei indigenen Rechten hingegen wesentlich mehr.

Im Anschluss prüfen unsere ESG-Analysten jeden dieser Fälle manuell anhand der Kriterien, die wir gemeinsam mit unseren NGO-Partnern entwickelt haben. Sofern diese nicht in Eingklang sind, können Unternehmen „geflaggt“ werden. Dabei handelt es sich auch um die größte Arbeit, die hinter Cleanvest steckt, da wir wirklich jeden Fall „per Hand“ durchgehen. Aktuell arbeiten vier ESG-Analysten im Jahreszyklus an dieser Thematik. Im letzten Jahr haben wir das Team von fünf auf insgesamt zehn Personen vergrößert.

Wer zählt zu den typischen Kunden?

Wir wollen sowohl Retail-Investoren als auch institutionelle Investoren ansprechen. In der Vergangenheit haben wir eine sehr starke Nachfrage auf der Seite der institutionellen Investoren wahrgenommen. Wir haben festgestellt, dass institutionelle Investoren und Versicherungen Vorreiter sind, wenn es um das Thema „Nachhaltigkeit“ geht.

Zudem haben wir ein neues Modell entwickelt, das die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen auf gesamte Portfolien messen kann. Bei diesem Impact-Messungstool für SDGs waren institutionelle Investoren die Erstanwender – allen voran die Allianz Vorsorgekasse. Künftig wollen wir auch verstärkt kleinere Asset-Management-Häuser ansprechen, die sich die großen Datenanbieter nicht leisten können.

Wie sieht es bei den eigenen Umsätzen aus?

Am Beginn der Covid-19 Pandemie haben wir uns natürlich die Frage gestellt, wie sich die Krise auf unser Geschäft auswirken wird. Schlussendlich haben wir festgestellt, dass Sustainable Finance noch nie so heiß war. Das trifft sowohl auf die Finanzmarktseite, aber auch auf die Seite der Privatinvestoren zu. Grund dafür sind unter anderem europäische Gesetze, die künftig zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten. Zudem sehen wir im Labeling eine große Nachfrage. Dies betrifft nicht nur den Fonds-Bereich, sondern auch Girokonten oder die Kreditvergabe.

Wie sehen eure Pläne für 2021 aus?

Im November 2020 sind wir in den deutschen Markt gegangen und haben Cleanvest dort aufgebaut. Es freut uns, dass die Expansion sehr gut voranschreitet. Wir haben auch einige Projekte mit Partnern, wie beispielsweise der Tomorrow Bank aufgesetzt. Zudem haben wir eine Kooperationen mit dem Handelsblatt schließen können, im Rahmen derer wir regelmäßig Analysen von Cleanvest anbieten. Für 2021 planen wir zudem eine Cleanvest Pro-Variante zu launchen, um künftig noch mehr Details auf Unternehmensseite zur Verfügung zu stellen.


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08.03.2021

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