Peter Grundmann und seine Frau Claudia sind Gründer und Geschäftsführer des Wiener Starups Hearonymus, das Audioguides für Smartphones anbietet. Im Brutkasten-Interview spricht der gebürtige Waldviertler und Wirtschaftswissenschafter Peter Grundmann über die Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau, über Startups im Kulturbereich und was er von seinem Investor Hans Peter Haselsteiner erwartet.

Kürzlich wurde bekannt, dass Hans Peter Haselsteiner einen sechsstelligen Betrag in Hearonymus investiert und sich mit sechs Prozent beteiligt hat. Wie konnten Sie Herrn Haselsteiner überzeugen?

Ich denke, dass es vor allem das Produkt/die Idee “Hearonymus” selbst war, mit der wir bei Hans Peter Haselsteiner punkten konnten. Hearonymus bietet einerseits den günstigsten Audioguide auf dem Markt an und ist eine Plattform mit mittlerweile mehr als 250 Audioguides für Smartphones, die in Museen oder Ausstellungen zum Einsatz kommen. So können die User mit dem eigenen Smartphone beispielsweise eine Führung durch das Haus des Meeres, einen Rundgang auf dem WU Wien Gelände oder eine Besichtigung der Dachstein Rieseneishöhle machen. Zudem sind wir kein theoretisches Produkt oder eine Idee auf einem Flipchart, sondern wir haben bereits einen breiten Kundenstamm. Unsere Kunden kommen aus verschiedenen Bereichen, wie etwa das Leopold Museum, das Heeresgeschichtlichen Museum über das Kunsthaus Graz, gibt es zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. Die Guides sind immer und überall einsatzbereit und funktionieren selbst offline. Sie eignen sich daher nicht bloß für Stadtspaziergänge, Schiff- und Bahnfahrten, sondern auch für Weinkellerführungen oder Höhlenbesichtigungen, wo der Internetempfang nicht garantiert ist. Das ist natürlich für einen Investor entscheidend. Wir nützen hier das Smartphone als unseren Verbündeten – alles was smart ist, gilt als jugendlich und sexy. Das bedeutet mitunter einen Imagetransfer für unsere Kunde, die damit auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen können. Ich denke, dass Herr Haselsteiner das Potential unseres „Smartups“ erkannt hat und sich darum an Hearonymus beteiligt hat. Er war auch bei der Investorensuche unser Wunschkandidat Nummer Eins.

“Hearonymus bezeichne ich gerne als Smartup.”

Sie bezeichnen Hearonymus als „Smartup“ oder war das ein Versprecher und Sie wollten Startup sagen?

Das Smarte an Hearonymus ist, dass wir zwei Wege verbinden, was von typischen Startups manchmal übersehen wird. Wir sind bei den Wachstumsraten und der Geschäftsidee ganz sicher ein Startup, aber wir handeln nach klassischen kaufmännischen Grundsätzen und orientieren uns an betriebswirtschaftlichen Gesetzen, was wir bei manchen Startups etwas vermissen. Deshalb nenne ich Hearonymus gerne ein Smartup.

Die App Hearonymus ist kostenlos, rund zwei Drittel der Audioguides sind ebenfalls gratis. Wie finanziert ihr Euch?

Unsere Haupteinnahmequelle als Dienstleister besteht in der preisgünstigen Erstellung und Verbreitung der Audioguides. Das Service umfasst dabei einzelne oder alle fünf Produktionsstufen: Textierung in der Redaktion, Sprecher und Sprecherinnen, Studioaufnahme und -produktion, Übersetzung in alle gewünschten Fremdsprachen und die Bereitstellung auf unserer Plattform. Wir bieten die einzelnen Bausteine zu Konditionen an, die Kunden sonst nicht so günstig bekommen würden. In zweiter Linie verdienen wir an den kostenpflichtigen Guides durch Downloads in den Stores. Mit den Audioguides sind wir in Wien sehr stark vertreten, die höchsten Zuwachsraten kommen aber im Moment aus den Bundesländern.

Sie haben das Startup zusammen mit ihrer Frau gegründet. Hatten Sie auch die Idee zu Hearonymus gemeinsam?

Ja. Meine Frau und ich haben 2012 die Sezession besucht und wir wollten uns den Beethoven Fries von Gustav Klimt ansehen. Nachdem wir einen Führerschein als Pfand hinterlegt haben, bekamen wir ein altes und klebriges Kastl in die Hand gedrückt. Zwei asiatische Touristen vor uns waren damit beschäftigt, den Audioguide mit einem Hygienetuch zu säubern. Die Tonqualität war sehr schlecht und Bilder gab es auch keine. Nach knapp 1,5 Stunden gaben wir die Guides wieder zurück, weil ich meinen Führerschein gerne wiederhaben wollte. Einen Tag später versuchte ich mich zu erinnern, was der Sprecher bei der mittleren Tafel des Frieses gesagt hatte und ich fragte meine Frau. Auch Claudia konnte sich nicht erinnern, weil es sehr viele Informationen in kurzer Zeit waren. Hier kam uns die Idee: Es wäre doch praktisch, einen Audioguide nicht nur während, sondern auch vor und nach dem Museumsbesuch konsultieren zu können. Ein Audioguide auf dem eigenen Smartphone bringt viele Vorteile: Die eigenen Kopfhörer sind hygienischer und ermöglichen eine bessere Tonqualität. Außerdem ist der Einsatz von Bildern möglich. Zudem entstehen für die Museen keine Hardware- oder Personalkosten für die Instandhaltung, Ausgabe oder Rücknahme. Ein Jahr später haben wir Hearonymus gegründet und wir sind bereits der führende Anbieter in diesem Bereich.

Sie sind zusammen mit ihrer Ehefrau in der Geschäftsführung von Hearonymus. Wie gelingt ihnen die Trennung von Beruf und Privatleben in der Praxis?

(c) Hearonymus

(c) Hearonymus

Hearonymus ist nicht das erste Unternehmen, das meine Frau und ich gemeinsam gegründet haben. Ich könnte es mir nicht mehr anders vorstellen. Hoffentlich sieht sie das genauso (lacht). Wir ergänzen uns sehr gut. Meine Frau ist Weltklasse bei den Finanzen, der Buchhaltung, im Controlling und bei administrativen Dingen. Außerdem hat sie als ausgebildete Innenarchitektin bei Design und Layout das Auge für das Schöne. Die Trennung von Beruf und Privat ist aber tatsächlich sehr schwer. Wir reden manchmal selbst im Bett noch über die Arbeit. Vor Kurzem hat sich unser 20-jähiger Sohn beim Essen beschwert, dass er den Namen Hearonymus nicht mehr hören könne. Seitdem reden wir bei den Mahlzeiten nicht mehr über das Geschäft. Aber die Verbindung von Beruf und Ehe hat auch seine Vorteile: Erst kürzlich waren wir drei Tage gemeinsam in London auf Dienstreise, um Audioguides anzuschauen. Das haben wir beide sehr genossen.

Wie groß war die Skepsis der Museen beim ersten Termin, mit einem unerfahrenen Startup zusammenzuarbeiten?

Bei den ersten Startpräsentationen 2013 haben wir 15 Audioguides vorgestellt und die Reaktionen waren überaus positiv. Das lag hauptsächlich daran, dass wir schon davor das Leopold Museum als Kunden gewinnen konnten. Das hat uns bei den weiteren Kontakten sehr geholfen. Prinzipiell kenne ich die Skepsis von Kunden, aber in diesem Fall hatten wir Glück. Mittlerweile denke ich eher an die vielen Einsatzmöglichkeiten. Alleine in Österreich gibt es beispielsweise rund 2.000 Schlösser und Burgen, in Deutschland sind es knapp 25.000. Überall Chancen, wohin das Auge auch blickt.

Sind sie mit anderen Startups aus dem Kunst- und Kulturbereich vernetzt? Gibt es hier einen Erfahrungsaustausch?

Ja, natürlich bin ich mit anderen Startups vernetzt. Die gehören aber alle – wie ich  –  zu der älteren Generation und sind aus unterschiedlichen Branchen. Wir treffen uns oft zum Afternoon-Tea und besprechen unsere strategischen Pläne. Ich sehe ein wenig das Problem, dass einige junge Startups zu wenig Erfahrung für einen Wissensaustausch haben. Wir gackern im Unterschied zu manchen dieser Jungunternehmer erst, wenn wir die Eier gelegt haben. Nicht schon, wenn wir ein Ei auf ein Flipchart gezeichnet haben.

Sie waren zuvor Geschäftsführer von „jobpilot Austria“ (später „monster“) und als Region Manager neben Österreich auch für die Schweiz, Ungarn, Polen und Tschechien verantwortlich. Was würden sie mit ihrer Erfahrung jungen Startups in der Gründungsphase raten?

Die Idee für ein neues Geschäftsfeld oder ein Unternehmen macht meiner Ansicht nach nur zirka zehn Prozent eines erfolgreichen Startups aus. In dieser Phase sollte man sich auch von niemand aus dem Konzept bringen lassen. Hier braucht es Mut, denn alle wissen es besser und erklären dir, warum es nicht funktionieren wird. Die nächsten zehn Prozent sind die Produktentwicklungsphase. Die Kundengewinnung macht 35 Prozent aus und die restlichen 35 Prozent fallen auf die Lieferung der Produkte oder Dienstleistungen. Jungen Unternehmern würde ich raten, einen finanziellen Polster zu haben, den Job erst bei den ersten Kunden zugunsten des Startups aufzugeben, die Firmenanteile so spät wie möglich herzugeben und erst mit einem bestehenden Kundenstamm auf Investorensuche zu gehen. Als Unternehmer sollte man einen Schritt nach dem anderen gehen und so viel wie möglich auslagern, sobald es irgendwo günstiger ist. So kann man die Fixkosten niedrig halten.

Welche Strategie hatten sie in der Finanzierungsphase und welche Erwartungen haben sie an Hans Peter Haselsteiner als Investor?

Auf unserer Suche nach einem geeigneten Investor war für uns das Image des Investors sehr wichtig. Nachdem Herr Haselsteiner neben seinem wirtschaftlichen Background generell als großer Kunstfan gilt, war er unsere erste Adresse. Bis jetzt sind wir aus eigener Kraft pro Jahr zwischen 200 und 300 Prozent gewachsen und das soll auch weiterhin so bleiben. Mit dem Investment von Herrn Haselsteiner können wir nun einige Schritte schneller setzen als geplant, vor allem was die Expansion in andere Länder betrifft. Wir hatten bereits in einigen großen Städten im Ausland Testpräsentationen und diese sind noch viel besser verlaufen, als erhofft. Da spielt wahrscheinlich auch der Ösi-Faktor mit, wir Österreicher finden irgendwie Anklang in anderen Ländern.

Vielen Dank für das Gespräch!