Man kennt das doch. Dieses leicht anwidernde Gefühl, wenn man vom Supermarkt-Kassierer ein Cent-Stück ausgezahlt bekommt, das vor Abnützung schwarz ist, aber trotzdem grüne Stellen hat, die aussehen, als würde es schimmeln. Manch einer mag sich dann wünschen, mit Karte bezahlt zu haben.

Österreich und Deutschland sind europaweit – so scheint es zumindest – die letzten Widerstandsnester in Sachen Bargeldabschaffung. Nirgendwo anders wird die Diskussion darüber emotionaler geführt, nirgendwo anders ist der Protest dagegen gleichmäßiger verteilt als in diesen beiden Ländern. Hier herrscht das Motto vor: nur über meine Leiche!

Im Rest Europas schaut die Sache schon anders aus: Vor allem im skandinavischen Raum ist Bargeld bereits heute schon so gut wie abgeschafft – und das, ohne dass das jemand gefordert hätte. Schweden gilt neben Dänemark und den Niederlanden diesbezüglich als Vorreiterland. Dort ist es Usus, dass selbst das Bier im Wirtshaus mit Plastikgeld bezahlt wird, zahlreiche Läden nehmen grundsätzlich kein Bargeld an und Selbstbedienungskassen, an denen man en passant mit dem Handy bezahlt, gehören zum Alltag. Gut, das ist auch das Land, in dem jeder vom anderen weiß, wie viel er verdient, und wo man jederzeit in die Steuerunterlagen des Nachbarn Einsicht nehmen kann. Undenkbar für Österreich, undenkbar für Deutschland.

In Nordeuropa verzichten immer mehr Menschen freiwillig auf Bargeld. In vielen Ländern gibt es Obergrenzen für Bargeldzahlungen. Europa steuert auf eine bargeldlose Gesellschaft zu.

Aber auch in anderen Ländern gibt es Bestrebungen, den Bargeldfluss einzudämmen. Belgien, Italien, Spanien und demnächst auch Frankreich haben restriktive Bestimmungen darüber, bis zu welchem Betrag man bar bezahlen darf. Selbst in der Schweiz und auch in der Slowakei ist das bereits seit Jahren geregelt. Eigentlich, so geht aus einer Erhebung der Europäischen Zentralbank aus dem Jahr 2013 mit Zahlenmaterial aus dem Jahr 2011 hervor, zählen nur noch Griechenland und Rumänien mit Quoten jenseits der 90 Prozent zu den Europameistern in Sachen Bargeldzahlung. Deutschland und Österreich haben sich präventiv schon mal nicht an der Studie beteiligt.

Mehr noch: Für Österreich gab es bis vor Kurzem nicht einmal einen Hauch an Information zu dem Thema. Zwar hortet die österreichische Nationalbank Unmengen an Statistiken in puncto Zahlungen, so wirklich schlau wird daraus allerdings keiner. „Wenn jemand Geld von seinem Konto behebt, können wir lediglich darüber mutmaßen, was in weiterer Folge damit geschieht“, heißt es dazu fast schon entschuldigend. Konkret bedeutet das, dass man keine Ahnung hat, wo die Summen landen. Gut möglich, dass jemand seine Kopfkissen damit aufpolstert, ebenso möglich, dass er es für schlechte Zeiten und die Enkelkinder zur Seite legt, oder es eben auch für irgendwelche krummen Dinger verwendet. Absurderweise scheint also ausgerechnet Bargeld das letzte anarchistische Refugium einer ansonsten durch und durch reglementierten Welt zu sein.

Was man aktuell weiß, ist, dass sich in Europa etwa 1,02 Billionen € an Banknoten in Umlauf befinden. Dazu kommen rund 25 Milliarden € in Form von Münzen. Das ist insofern beachtlich, als man annimmt, dass jeder Europäer durchschnittlich bloß 100 € an Bargeld mit sich trägt. Zwischen 20 und 25 Prozent dieser Summe, so die Schätzung, werden außerhalb der Eurozone gebunkert. Wo genau, ist unklar.

Mitte Mai dieses Jahres haben sich zwei Professoren der Wirtschaftsuniversität Wien erstmals seit Bestehen der Zweiten Republik an eine Studie in Sachen Zahlungsverhalten der Nation gewagt. Aus dieser geht hervor, dass 25 Prozent der Österreicher ihr Geld am Bankschalter abheben, weitere 35 Prozent bevorzugen, mit Bankomatkarte zu bezahlen, mehr als 50 Prozent immer noch Bargeld den Vorzug geben und ärmere, wenig gebildete und ältere Personen eine Aversion gegen Kartenzahlung haben.

Des Weiteren sollte man aus volkswirtschaftlicher Sicht Beträge über zehn Euro besser bargeldlos begleichen, und – wenn man öfters zur Karte greift – würde das in Summe zwischen 150 und 300 Millionen Euro an Einsparungen bringen. Der Grund: Personal-, Sach- und Transportkosten sind bei Bargeldzahlungen höher als bei der Bezahlung mit Karte.

So verursacht nämlich die Bargeldzahlung Mehrkosten in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, die Bankomatkartenzahlung indes schlägt mit lediglich 150 Millionen Euro zu Buche. Die Studie wurde im Auftrag der Plastikgeldindustrie erstellt, die beiden Verfasser versichern allerdings glaubhaft, dass sie zu keinem anderen Ergebnis gekommen wären, selbst wenn der Papst höchstpersönlich selbige finanziert hätte.

Warum fordern Top-Ökonomen dann die Abschaffung des Bargelds? Denn etwas mehr Wertschätzung hätte sich der Ökonom Peter Bofinger, einer der fünf deutschen Wirtschaftsweisen, durchaus erwarten können. 
Schließlich hat er nur das gefordert, was bereits seit Jahren im US-amerikanischen Raum viel offenherziger diskutiert wird: nämlich die Abschaffung des Bargelds. Kenneth Rogoff und Lawrence Summers zählen zu den prominentesten Befürwortern einer bargeldlosen Gesellschaft. Ersterer ist Harvard-Professor und Ex-Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Zweiterer war unter Bill Clinton Finanzminister und wäre um ein Haar unter Barack Obama Chef der US-Notenbank geworden, hätte er nicht in letzter Minute seine Kandidatur zurückgezogen.

Das, was dagegen spricht, liegt auf der Hand: maximale und deshalb zu viel Transparenz und Kontrolle, Manipulationsanfälligkeit etwa durch Hacker und Instabilität des Systems an sich. Ein Stromausfall oder ein Defekt könnte binnen Sekunden eine auf virtuelles Geld fixierte Gesellschaft zum Erliegen bringen.
Bargeld hingegen steht als Zahlungsmittel jedem Menschen zur Verfügung: ohne Vertrag, ohne Bindungsfrist, ohne Datenspur.

Peter Bofinger hat an sich die Situation richtig erkannt. Europa fürchtet sich derzeit vor allem und jedem. Also lautet das Hauptargument sinngemäß auch: Verbrechen jeglicher Natur könnten mit der Abschaffung des Bargelds ad absurdum geführt werden. Aber ist das tatsächlich so? Drogendealer, Schwarzarbeiter-Beschäftiger, Entführer, Wirtschaftskriminelle und andere Gesetzesbrecher haben längst schon Wege gefunden, ihrem „Business“ relativ entspannt und unbeschadet nachzugehen. Und das würden sie auch in Zukunft und ganz ohne Bargeld tun. Alternativen gibt es genug, Gutscheinsysteme, Edelmetalle oder Diamanten sind da nur einige Beispiele. 
Bleiben also noch die restlichen Argumente für eine Abschaffung des Bargelds. Und die haben zweifelsohne etwas für sich. Das Bargeld soll, idealerweise im gesamten EU-Raum, den Nachbarländern und den USA, abgeschafft werden, damit Staat und Banken den Zinssatz deutlich unter null, also in den Negativbereich drücken können. Das würde bedeuten, dass jeder, der Ersparnisse auf dem Konto hat, einen bestimmten Prozentsatz pro Jahr als eine Art Lagerungsgebühr bezahlen muss. Bei einem derartigen Szenario ist allerdings davon auszugehen, dass Menschen ihr Geld vor dem Zugriff der Banken in Sicherheit bringen, also abheben und daheim horten würden. Schlimmstenfalls könnte dadurch sogar eine Bankenkrise ausgelöst werden. Und das ist der einzige Grund, weshalb man vorher das Bargeld abschaffen muss. Der erhoffte Effekt wäre in dem Fall, dass Menschen so quasi zum Konsum gezwungen werden, also ihr Geld unters Volk bringen würden, was wiederum die Konjunktur ankurbeln würde.

Der Grundgedanke, der sich dahinter verbirgt, ist an sich nicht falsch. Geld muss arbeiten, um einen Mehrwert zu bringen. Das tut es aber seit geraumer Zeit nicht mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist der Finanzmarkt, der, völlig losgelöst von jeglicher volkswirtschaftlichen Relevanz, gleichsam im eigenen Saft brät, allerdings von Politik und Banken zum Tabu erklärt wurde. 
Ganz anders verhält es sich hingegen mit den an sich nicht gebundenen monetären Ressourcen der Bevölkerung. Könnten Sparschwein und Co. geknackt werden, würde das zweifelsohne relevante Impulse auslösen. Mit gutem Zureden hat man es jahrelang vergeblich versucht, jetzt wird die Zwangsbeglückungs-Keule ausgepackt. Und die ist vermutlich schneller da, als uns lieb ist. 
Vielleicht sollte man sein Geld schnell noch in lukrative Immobilien oder andere beständige Projekte anlegen…

Quelle: Wirtschaftsblatt